Grundsatzbeschlüsse der I. und II. PMR-Konvente


Doz. Dr. Erich Mur: 

Bericht über den 2. Konvent der FachärztInnen für Physikalische Medizin und Allgemeine Rehabilitation in Wien vom 22.1.2010

Zusammenfassung:  
Die Behandlung der PatientInnen soll auf Basis der Fachexpertise bestmöglich durchgeführt werden. Evidenznachweise sind hierbei eine wichtige Grundlage aber nicht die Letztentscheidung für den Behandlungsweg. Das Fehlen von Evidenz belegt nicht die Unwirksamkeit einer Maßnahme.

Aufgrund demographischer und gesundheitsökonomischer Umstände sind alle ärztlichen Berufsgruppen mit stetig wiederkehrenden Aktivitäten der Versicherungsträger und staatlicher Einrichtungen konfrontiert, die auf eine zunehmende Reglementierung der medizinischen Versorgung der Patienten hinauslaufen. Vielfach werden dabei Aspekte der „evidence based medicine“ in die Diskussion einbezogen, wobei zumeist nur der Beleg aus Studien als relevant erachtet  wird, während der Fachexpertise und klinischen Erfahrung der Behandler sowie den Werten und Erwartungen der Patienten nur mehr eine untergeordnete Bedeutung eingeräumt wird.

Um derartigen Entwicklungen auf der Basis einer breiten Konsensbildung innerhalb der FachärztInnen für Physikalische Medizin und Allgemeine Rehabilitation (PMR) wirkungsvoll entgegentreten zu können, wurde am 22.1.2010 in Kooperation der Fachgruppe für PMR der Österreichischen Ärztekammer mit der Österreichischen Gesellschaft für Physikalische Medizin und Rehabilitation (ÖGPMR) sowie Beteiligung des Berufsverbands für PMR der nunmehr bereits 2. Konvent zu dieser Thematik durchgeführt.

Nachdem aufgrund öffentlicher Verlautbarungen weitere Limitierungen der Behandlungsmöglichkeiten zu befürchten sind, sollte der 2 Konvent Forum für eine weitergehende Diskussion der Thematik darstellen, welches von zahlreichen Teilnehmern auch sehr intensiv genutzt wurde. Dabei wurde eingehend die Problematik besprochen, dass konventionelle Studiendesigns und Outcomeparameter im Fach  PMR oft nur eingeschränkt anwendbar sind, da einerseits eine große Heterogenität der Krankheitsbilder sowie der Therapieziele besteht, andererseits die Zielparameter meist subjektive oder funktionelle Parameter sind, welche viel schwerer zu quantifizieren und objektivieren sind, als Laborparameter, radiologische oder histologische Daten.

Im Rahmen der Diskussion über die Durchführung von Studien wurde  die Notwendigkeit einer weiteren Intensivierung der wissenschaftlichen Evaluierung von physikalisch-medizinischen  Maßnahmen und Behandlungskombinationen angesprochen, wobei immer auch die Perspektive des Patienten hinreichend in die entsprechenden Untersuchungen einbezogen werden sollte. In diesem Zusammenhang kam auch die Problematik der sich immer schwieriger gestaltenden Finanzierung entsprechender wissenschaftlicher Vorhaben zur Sprache.
Auf breiter Basis wurde in der Diskussion auch auf die nur zu häufig abseits einer fachlich seriösen Basis ablaufende Unterscheidung von „aktiven“ und „passiven“ Anwendungen eingegangen. Resultierend aus einer zahlreiche wissenschaftliche Fakten einbeziehenden Besprechung wurde als Addendum zu der Beschlussfassung beim ersten Konvent präzisiert, dass in der Physikalischen Medizin eine Unterscheidung in „passive“ und „aktive“ Maßnahmen als fachlich unrichtig erachtet wird. Demzufolge ist natürlich auch eine generelle Präferierung von als „aktiv“ bezeichneten Behandlungsmethoden gegenüber angeblich weniger wirksamen „passiven“ Therapiemaßnahmen abzulehnen, da dies vielfach der Konstellation beim jeweiligen Patienten nicht hinreichend Rechnung tragen könnte. Daraus resultierend sind auch fixe Vorgaben für eine quantitative Aufteilung von Ressourcen auf diese beiden willkürlich und fachlich unrichtig eingerichteten Gruppen von Therapien strikt abzulehnen.

Im Beschluss des Konvents wurde festgehalten, dass der Patient grundsätzlich das Recht auf die für ihn bestmögliche Therapie hat. Diese Behandlung sollte auf der Basis von Anamnese und abklärenden Untersuchungen entsprechend der besten verfügbaren Evidenz durch den Facharzt ausgewählt werden. Dabei muss die für den individuellen Patienten optimale Therapie nicht unbedingt jene sein, für die die beste Evidenz vorliegt oder die in Leitlinien festgeschrieben wurde. Selbst das Fehlen von Evidenz belegt nicht die Unwirksamkeit einer Maßnahme.

Präsentation (PDF)